Skoliose – Wirbelsäulenverkrümmung


Skoliose (Wirbelsäulenverkrümmung)

Skoliose ist ein gern genannter Begriff bei Kindern, der häufig nur geringen oder gar keinen Krankheitswert besitzt. Werden sie damit konfrontiert, suchen sie bitte einen Kinderorthopäden auf, um unnötige und aufwendige Therapien zu vermeiden und eine vernünftige Abklärung zu gewährleisten. Bei deutlichen Verkrümmungen, vor allem im pubertären Wachstumsschub kann es sich um eine idiopathische TLS handeln. Sie bedarf einer fachgerechten Therapie in einem Skoliose-Zentrum. Eine Skoliose verursacht in der Regel keine Schmerzen.

Häufig wird bei Kindern die Diagnose einer Skoliose gestellt. Im Volksmund bedeutet dies meist ein ernst zunehmendes Krankheitsbild und macht den Eltern Angst wegen der Gefahr chronischer Rückenproblemen, bis hin zu der Vorstellung eines langen Siechtums bei ihren geliebten Sprösslingen. Eins vorweg: das ist meistens nicht der Fall. Es gibt nämlich unterschiedliche Skoliosen, von denen die überwiegende Mehrzahl nur die Folge einer funktionellen Beeinträchtigung einzelner Wirbelsäulenabschnitte ist (siehe Thema zum kindlichen Rückenschmerz).

Grundsätzlich gibt es zwei unterschiedliche Formen von Wirbelsäulenverkrümmungen:

  • die infolge einer gestörten Funktion einzelner Wirbelsäulenabschnitte und des Beckens auftreten, daher funktionelle Skoliosen heißen
  • die infolge einer gestörten Struktur einzelner oder langstreckiger Wirbelsäulenabschnitte auftreten, daher strukturelle Skoliosen heißen

Funktionelle Skoliose

Hier reagiert die Wirbelsäule mit einer Verbiegung infolge einer gestörten Funktion einzelner oder mehrerer kleinen Facettengelenke, mit denen die Wirbelkörper beweglich miteinander verbunden sind. Die Ursachen sind vielfältig, häufig ist die Wirbelsäule das Organ, welches das auszubaden hat, was andernorts entsteht. Mögliche Ursachen für eine funktionelle Skoliose sind

  • Beinlängendifferenzen (echte oder funktionelle)
  • Störungen in der Kiefergelenksmechanik z.B. durch Zahnspangen
  • Bewegungseinschränkungen einzelner Segmente (Blockierungen) infolge Über- oder Fehlbelastungen, Sporttraumen oder nach Erkrankungen innerer Organe (z.B. Erkältungen oder Durchfallerkrankungen)
  • Muskuläre Dysbalancen in der Rückenstreckmuskulatur
  • Schmerzhafte Skoliosen infolge struktureller Erkrankungen von Bandscheiben oder Wirbelkörper
funktionelle Skoliose

Bilder einer funktionellen Skoliose

skoliose beim kind

Skoliose beim kind

 

 

Die Behandlung erfolgt hierbei über die Beseitigung der Ursache! In Verbindung mit einer manualtherapeutischen Behandlung der Wirbelsäule lassen sich funktionelle Skoliosen effektiv behandeln und erfordern niemals eine operative Geradebiegung oder eine Korsettbehandlung. Eine funktionelle Skoliose hat eher geringe Krümmungswinkel und tritt in jedem Wachstumsalter auf. Sie hat eine gutartige Prognose! Häufig ist sie ein Zufallsbefund, da sie erst durch einen Gang zum Kinderarzt im Rahmen einer Vorsorgeuntersuchung diagnostiziert wurde. Selten ist sie Folge von ernsthaften Erkrankungen, wie man sie im Rahmen von Bandscheibenvorfällen, Wirbelgleiten oder Tumoren der Wirbelsäule beobachten kann. Konsultieren sie einen Kinderorthopäden, um die Differentialdiagnostik der Wirbelsäulenverkrümmung ihres Kindes durchführen zu lassen. Nur wenn eine zielgerichtete Untersuchung der Ursache erfolgt, kann eine effektive Behandlung geschehen. Letztendlich können so nutzlose, langwierige und kostenintensive Behandlungsserien mit krankengymnastischen Übungsbehandlungen, Einlagenversorgungen und falschen Beinlängenausgleichen vermieden werden.

Strukturelle Skoliose

Sie sind immer mit einer mehr oder weniger starken Wachstumsstörung ganzer Wirbelsäulenabschnitte ohne erkennbare äußere Ursachen verbunden. Hierzu gehören

  • Skoliosen infolge einzelner oder komplexer Missbildungen von Wirbelkörpern
  • Kyphoskoliosen infolge gestörten Wachstums einzelner Wirbelkörperabschnitte
  • krankhafte Wirbelsäulenverkrümmungen infolge von Wachstumsstörung ohne genaue Ursache (idiopathisch)

Die häufigste Form der krankhaften Wirbelsäulenverkrümmung ist die idiopathische Thorakolumbalskoliose (TLS). Sie tritt in unterschiedlichen Wachstumsphasen auf und wird deswegen

  • als infantil (von 1-3 Jahren)
  • als juvenil (von 4-10Jahren)
  • und als adoleszent (ab dem 11.Lebensjahr)

bezeichnet. Die idiopathische TLS im adoleszenten Alter ist die weitaus häufigste Form.

Die Ursache der idiopathischen TLS ist definitiv ungeklärt. Man diskutiert ein Missverhältnis im Wachstum einzelner Wirbelkörperabschnitte. Demnach kommt es zu einem verstärkten Wachstum des Wirbelkörpers in Relation zum Wirbelbogen, der das Rückenmark nach „rückenwärts“ abschließt. Folge davon ist zunächst eine Aufrichtung der bauchwärts gelegenen Wirbelkörper, die scheinbar an ihren nur unzureichend wachsenden Wirbelbögen wie angekettet scheinen. Irgendwann ist kein Platz mehr für die Wirbelkörper in einer Reihe und sie beginnen sich aus der Linie zu drehen. Dadurch entsteht die Seitverbiegung, die eigentliche Folge des Herausrotierens der zu großen, rückenwärts fixierten Wirbelkörper sind. Deshalb sprechen wir auch von einer Rotationsskoliose, bei der es immer einen Haupt- und einen Nebenschwung gibt. Die Wirbelrotation hat im klinischen Bild ihren Ausdruck in einer Rippenbuckelbildung bei Vorneige des Patienten. Andere Ursachen wie muskuläre Dysbalancen der kleinen Rückenstreckmuskulatur und Störungen im Kiefergelenkssystem werden diskutiert. Eine familiäre Häufung tritt auf, Mädchen sind in der überwiegenden Anzahl betroffen.

Das Problem der idiopathischen TLS ist die mehr oder weniger starke Zunahmetendenz bis zum Wachstumsabschluß.

Die idiopathischen Skoliosen haben, entgegen der häufig auftretenden funktionellen Skoliosen, einen definitiven Krankheitswert und bedürfen in verschiedenen Stadien einem speziell nach Alter des Kindes und Schwere der Verkrümmung abgestuften Therapieschema. Auch hier gilt: Die Behandlung einer idiopathischen TLS gehört in die Hand eines kinderorthopädisch versierten Kollegen, der in ständigem Kontakt zu einer effizienten Orthopädietechnik, einem operativen Wirbelsäulenzentrum und einer Reihe von erfahrenen Physiotherapeuten steht.

unterschiedliche Krümmungsmuster (li BWS, re LWS)
thorakale Skoliose

thorakale Skoliose

lumbale Skoliose

lumbale Skoliose

Unter 20° Verbiegung kommen hier zunächst physiotherapeutische und manualtherapeutische Maßnahmen zum Einsatz. Die Atlastherapie vermag die autochton arbeitende Rückenmuskulatur zu synchronisieren, wobei hier in manchen Fällen eine Stabilisierung des Befundes bzw. eine nur geringe Zunahme beobachtet werden konnte.

Über 20° ist die Korsetttherapie indiziert. Heute werden ganz spezielle derotierende Korsette verwendet, deren Anfertigung unbedingt in die Hände sehr erfahrener Orthopädietechniker gehört. Die Korsetttherapie endet erst mit dem Wachstumsabschluß und bedeutet für die Patienten ein recht einschneidendes Ereignis im Leben, zumal das Korsett 23 Stunden am Tag getragen werden soll. Begleitende Physiotherapie ist ebenfalls notwendig, Sportliche Betätigungen sind durchaus weiter durchführbar und erwünscht.

Verbleiben Verkrümmungswinkel von mehr als 40° auch nach Wachstumsabschluß, so ist unter Berücksichtigung weiterer Skolioseparameter eine operative Wirbelsäulenbegradigung indiziert. Es ist ein großer operativer Eingriff und geht mit einer langstreckigen Versteifung der Wirbelsäule einher.

Korsetttherapie bei idiopathischer Skoliose

Ausgleich der Krümmung mittels Korsetttherapie

Korsettversorgung bei Skoliose

Korsettversorgung